Wüdneks Erben auf den Spuren der Dahlhoffs

Speicher
Solche "festen Speicher" dienten als Zufluchtsorte der Hofbewohner bei kriegerischen Überfällen und hatten häufig ein Wohnobergeschoss, das zeitweilig als Wohnung diente. (Quelle: Museumsführer LWL Freilichtmuseum Detmold)

Um den Herkunftsort der "Tanzsammlung Dahlhoff" kennenzulernen haben wir im Frühjahr 2016 einen spontanen Besuch in Dinker gemacht und standen vor der verschlossenen Kirche. St. Othmar liegt auf einer kleinen Anhöhe mit einem Kirchplatz davor, der in früheren Zeiten wohl mal der Kichhof war, aber heute als Parkplatz gepflastert ist. Hinter der Kirche steht ein großes Fachwerk-Pfarrhaus (heute auch Gemeindahaus mit Saal) und - auf einer Insel in einer Gräfte - ein alter Speicher. In welchem der Häuser nahe der Kirche die Küster- und Organistenfamilie Dahlhoff gewohnt hat, haben wir nicht herausgefunden. Uns ging es auch nur um einen ersten Eindruck des Ortes. An der Hauptstraße durch den Ort, fast gegenüber der Kirche liegt das Wirtshaus Witteborg. Dort haben wir herrlichen Kuchen genossen und die Wirtin Ange zeigte uns anschließend ihren Bauerngarten und den Anbau mit dem alten Saal, in dem schon die Großeltern getanzt haben.
2015 fand im Garten der Wirtschaft das erste Dahlhoff-Festival statt. Leider noch ohne uns, aber mit vielen anderen Musikern.

Unser Weg führte uns weiter nach Vellinghausen, wo man die Anlage und das Hauptgebäude der Burg sehen kann. Im siebenjährigen Krieg (1756–1763) fand 1761 hier die "Schlacht von Vellinghausen" statt. Um das Diorama der Schlacht zu sehen fuhren wir am Dinker Berg vorbei zurück nach Welver ins Heimathaus. In dieser Schlacht standen sich französische und englische Truppen (einschließlich eines schottischen Regiments, damals besonders Furcht einflößend mit ihren Kilts und wahrscheinlich auch Dudelsäcken) gegenüber, insgesamt ca. 200000 Mann. Obwohl die Schlacht nach nur eineinhalb Tagen beendet war, hatte sie großen Einfluss auf die heimische Bevölkerung. Häuser sind wohl kaum zerstört worden, dafür aber Vieh und Lebensmittel geplündert, sodass in der Folgezeit noch viele Einheimische an Hunger starben.

Die Daten in der Notenhandschriften geben einen Entstehungszeitraum von 1767-99 an, d.h. der erste Band ist nur sechs Jahre nach diesem Kriegsgeschehen aufgeschrieben worden. Man kann nur vermuten, inwieweit sich diese Ereignisse und die Anwesenheit so vieler ausländischer Menschen auf die Musik der Dahlhoffs ausgewirkt haben mag. Französisch konnten die Westfalen aber offensichtlich nicht. So wird aus "La chaîne" - "La Schene" oder "Aimable Vainqueur" aus André Campras Oper "Hésione" (1700) wird zu "A Ma bel mun köre" (s. Band I, 48). Hinter der Dahlhoffschen "Schartlusie" verbirgt sich wohl "Jalousie".

In Belgien suchen ebenfalls Musiker nach und in alten Handschriften und bereiten diese Stücke neu und tanzbar wieder auf, wie die Gruppe Wör auch in Deutschland schon einige Male vorgeführt hat. Einige Stücke der Tanzsammlung sind auch flämischen, wallonischen und sogar dänischen Handschriften zu finden, z.B.:

  • I, 100b Schartlusie
    - Nr. 178 Contre Danz, Joannes De Gruytters (1746) (bei Wör als DG 178 zu hören)

  • I, 65 und VIII, 143 Menuet La Schene
    - Menuet de la chaîne, Joseph Gaspard Wandembrile (1778), Namur
    - Menuet a 4 de dammes et enchaine, Frans de Prins (1781), Leuven
    - 15. Menuet de Franca, Rasmus Storm (1750/1760), Fünen

Bereits an diesen wenigen Beispielen kann man sehen, dass die Stücke auch zu jener Zeit wanderten und gespielt wurde was modern war. In der Dahlhoffschen Sammlung finden sich viele Stücke immer wieder, allein die Königsquadrillge sieben Mal. Es gab also auch damals schon Populär-Musik.

Als Band "Wüdneks Erben" haben wir inzwischen einige Stücke aus der umfangreichen Sammlung für uns bearbeitet, wobei wir uns die Freiheit nehmen die Stücke von dur nach moll zu verändern oder auch rhythmisch den heutigen Tanzgewohnheiten anzupassen.